Systeme & Entscheidungen
Zwei kaputte Bandscheiben, ein Hochbett – und die eine Entscheidung, die zählte
Ich operiere seit über 25 Jahren Wirbelsäulen. Mittendrin lag ich selbst auf dem Tisch. Was ich dabei über Entscheidungen gelernt habe, gilt weit über die Medizin hinaus.
Mein Sohn war zwei, als ich sein Hochbett aufbauen wollte.
Ein Nachmittag, ein Bausatz, ein bisschen Werkzeug. Eine halbe Stunde, dachte ich. Es wurde deutlich länger. Nicht, weil die Anleitung schlecht war – sondern weil mein Rücken bei jeder gebückten Bewegung so heftig protestierte, dass ich immer wieder innehalten musste.
Irgendwann saß ich auf dem Boden zwischen den Latten und dachte einen einzigen, klaren Satz: So geht das nicht weiter.
Der lange Anlauf
Rückenschmerzen kannte ich. Als Jugendlicher, im Basketball-Leistungssport, ab und zu – nicht der Rede wert. Im Studium vielleicht alle drei Jahre eine heftige Woche, ein paar Tabletten, dann war es wieder weg. Ich habe immer viel Sport gemacht. Der Schmerz kam einmal im Jahr, blieb kurz, verschwand.
Etwa ein Jahr vor der OP änderte sich das. Die Episoden kamen häufiger. Sie wurden intensiver. Und irgendwann gingen sie nicht mehr weg.
Ich tat, was ich jedem raten würde, der seinen Körper ernst nimmt: Ich habe alles ausgereizt, was sinnvoll war. Intensiveres Rückentraining. Mehr Stabilisation, mehr Core, mehr Planking. Meinen Sport weiter. Eine gezielte Spritze. Krankengymnastik. Ich habe mich abtasten und untersuchen lassen.
Es half nichts.
Besonders fies war der Moment, wenn ich mich nach anderthalb Stunden gebückter Arbeit am OP-Tisch wieder aufrichten wollte. Ausgerechnet ich – der den ganzen Tag über fremde Wirbelsäulen gebeugt steht – kam mit meiner eigenen kaum mehr hoch.
Die Entscheidung vor der Entscheidung
Dann kam der Punkt, an dem ich die wichtigste Entscheidung traf. Nicht die OP. Die davor.
Ich wusste: Wenn ich jetzt ein Bild machen lasse, muss eine Konsequenz daraus entstehen.
Ein MRT nur fürs MRT ist Unsinn. Ein Bild, das man macht, um sich danach weiter im Kreis zu drehen, hilft niemandem. Ich hatte die konservativen Mittel ausgereizt. Ich hatte den Zeitfaktor eingehalten. Die Therapie war, ehrlich gesagt, frustran – sie führte zu nichts. Erst an diesem Punkt war ein Bild sinnvoll. Weil ich bereit war, aus dem, was ich sehe, auch zu handeln.
Das ist kein medizinisches Detail. Das ist ein Prinzip. Die meisten Menschen sammeln Informationen, um eine Entscheidung aufzuschieben. Ich wollte die Information erst, als ich bereit war, sie in eine Entscheidung zu übersetzen.
Es kam anders als gedacht
Meine Erwartung: eine Bandscheibe kaputt, die unterste, die kriege ich ersetzt.
Es waren zwei. Und nicht die untersten, sondern die vorletzte und die vorvorletzte.
Für mich war die Richtung trotzdem sofort klar. Ich bin jung – also bewegungserhaltend, künstliche Bandscheiben, keine Versteifung. Ich habe meinen Mentor kontaktiert, den Mann, der mir genau diese Technik beigebracht hat, und ihn gefragt, wann er Zeit hat. Am besten nach der Geburt unserer Tochter. „Kriegen wir hin", sagte er. Damit war die Sache entschieden.
Vom Operateur zum Patienten
Dienstag eingezogen, Mittwoch operiert.
Meine Familie war da und hatte deutlich mehr Angst als ich – kleine Kinder, der Vater auf dem Tisch.
Ich selbst hatte etwas anderes: grenzenloses Vertrauen. Ich kannte das Team von früher, aus der Zeit, in der ich dort hospitiert hatte. Ich wusste, ich bin in besten Händen.
Und genau das ist die Frage, die jeder Patient mir vor seiner OP stellt – nicht in Worten, aber im Blick: Bin ich bei dir in guten Händen? Zum ersten Mal saß ich auf der anderen Seite dieser Frage. Über mein eigenes Spezialgebiet. Und ich konnte sie mit Ja beantworten, weil ich wusste, wem ich vertraute.
Woran ich wusste, dass es richtig war
Schon beim Aufwachen, beim ersten Aufrichten, spürte ich es: Der Schmerz, den ich im Liegen monatelang gehabt hatte, war weg. Komplett. Ich konnte ihn sauber vom Wundschmerz unterscheiden – der eine frisch und oberflächlich, der andere einfach nicht mehr da.
Das, was ich weghaben wollte, war weg.
Ich bin jeden Tag ein Stück mit der Familie spazieren gegangen, nach drei Tagen entlassen worden, habe das Wochenende ruhen lassen – und montags stand ich wieder in der Praxis. Eine Woche nach der OP habe ich selbst wieder operiert. Sitzen war anfangs unangenehm, Erschütterungen über vier bis sechs Wochen auch. Das gab sich. Nach ein paar Wochen wieder Sport. Seitdem ist alles gut.
Das war nicht Härte. Das war Klarheit. Ich bin selbstständig, die Praxis war im Aufbau, die Familie jung – zu Hause sitzen und abwarten war für mich nie eine Frage. Ich wollte nicht, dass meine eigene Wirbelsäule mich ausbremst. Also habe ich sie versorgen lassen und bin weitergegangen. Ohne Drama.
Was ich keinem Patienten rate – und was doch
Ich würde niemals zu einem Menschen sagen: Lass dich operieren.
Was ich jedem sage, ist etwas anderes. Werde dir innerlich klar, was der gute, sinnvolle nächste Schritt ist. Habe ich alles Konservative getan, das Sinn ergibt? Alles an Zwischenschritten – die Spritze, die Begleitung? Brauche ich Medikamente, um überhaupt klar zu sehen, dass es besser wird – was es statistisch nach sechs Wochen, spätestens nach sechs Monaten in den allermeisten Fällen tut? Oder will ich vorher eine Abkürzung nehmen?
Und am Ende die eine Frage, die alles ordnet:
Welchen Preis zahle ich gerade für die Unversehrtheit – aber mit Schmerz? Und welchen Preis glaube ich, für eine OP zu zahlen?
Das muss jeder für sich entscheiden. Notfälle sind etwas anderes – die folgen eigenen Regeln und gehören sofort versorgt. Aber für alles dazwischen gilt: Niemand kann dir diese Abwägung abnehmen. Auch ich nicht.
Was meine eigene Wirbelsäule mir beibrachte
Ich habe über zwölftausend Patienten begleitet. Und doch hat mir meine eigene Wirbelsäule etwas beigebracht, das kein Lehrbuch und keine fremde OP konnte.
Ich kenne diesen Schmerz jetzt von innen. Die frustrane Suche, das „ich habe doch alles gemacht", den Punkt, an dem klar wird: So nicht weiter. Wenn heute ein Mensch mit chronischem Rückenschmerz vor mir sitzt, stelle ich Fragen, bei denen ich sehe, wie er innerlich nickt – weil er spürt: Hier sitzt einer, der das selbst kennt.
Der Experte, der zum Patienten wurde und mit beiden Augen zurückkam.
Am Ende war nicht das Skalpell die Leistung. Das Skalpell war Handwerk – exzellentes, vertrautes Handwerk, aber Handwerk. Die Leistung war die Entscheidung davor. Sauber, zur richtigen Zeit, mit klarem Kopf.
Klarheit unter Druck. Am schwersten ist sie, wenn der Patient man selbst ist.